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Interview

„Die Sprachlosigkeit gemeinsam überwinden“

KIDSTIME – Workshops als edukativ ausgerichtetes „Social Event“ für Kinder psychisch erkrankter Eltern und ihre Familien

Sie wird vielfach als Makel betrachtet, sie wirkt sich aus als Problem und sie gehört zum Alltag in unserem Land – die psychische Erkrankung.  In der jüngsten Vergangenheit hat jedoch die Akzeptanz dafür zugenommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich prominente Betroffene und deren Familien in der Öffentlichkeit dazu äußerten. Sie wollten Mut machen und das Verstehen dieser vielfältigen Krankheitsbilder fördern. Das neue aktive Verständnis kann insbesondere den Kindern in den betroffenen Familien zugutekommen.

Um das Selbstvertrauen der Kinder und der Erwachsenen zu stärken und mitzuhelfen, Vorurteile zu überwinden, will der anerkannte Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe  FamilienANlauf e.V. (FAN e.V.)  mit dem Projekt KIDSTIME. Die Grundidee der Workshops ist, in der Familie eine Sprache zu haben und auch präventiv daran zu arbeiten, dass das Risiko bei den Kindern, selbst psychisch zu erkranken, verringert wird. Das nachfolgend dokumentierte Gespräch mit zwei Mitarbeiterinnen des Projektes, Karolina Nowak und Tine Gerstenberg, fand anlässlich einer europäischen Multifamilientherapie-Fachtagung (September 2023) statt.

 

Seit wann besteht KIDSTIME, wer kommt dorthin und wie geschieht das?

 Karolina Nowak:  KIDSTIME wurde in den 1990er Jahren in England entwickelt und wurde 2015 von Henner Spierling nach Deutschland geholt. In Berlin bieten wir den Workshop seit September 2022 an. Einige Monate vorher haben wir zu einer Auftaktveranstaltung verschiedene Institutionen des Bezirkes wie zum Beispiel die Erziehungs- und Familienberatungsstellen, den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst sowie Kliniken und andere psychosoziale Dienste eingeladen, um über das Angebot zu informieren.

Tine Gerstenberg: KIDSTIME bietet einen Raum, in dem die Sprachlosigkeit, in Familien mit psychischen Erkrankungen, gemeinsam überwunden wird. Ein Ort des aktiven und selbstbestimmten Handelns an dem die Kinder mit ihren Fragen, Unsicherheiten, vielleicht auch Ängsten zusammenkommen.  Es findet eine Enttabuisierung der Krankheit statt – die Kinder wissen, dass es auch andere Kinder gibt, denen es ähnlich geht. Dass die sorgfältige Akquise gewirkt hat, merken wir daran, dass es so viele interessierte Familien gibt, dass es teilweise leider zu Wartezeiten für die Familien kommt.

Wie kam KIDSTIME nach Berlin?

Karolina Nowak: Das Projekt hat sich in Großbritannien jahrelang bewährt. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen in unsere Arbeit ein.  Es ist ein freiwilliges präventives Angebot, welches im Moment vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird. Eine offizielle Antragstellung seitens der Familien ist daher nicht nötig, was den Eltern den Zugang sehr erleichtert.

Tine Gerstenberg:  Immer wieder stellen wir fest, dass es für die Familien sehr wichtig ist, einen geschützten Rahmen zu schaffen, um ihre Themen ansprechen zu können. Am Beginn steht daher ein Vorgespräch mit den Eltern an. Dies dient dem Kennenlernen.  Dabei geht es um Erwartungen, Erfahrungen und natürlich auch darum, was die Kinder von der psychischen Erkrankung wissen und wie in der Familie mit dem Thema bis jetzt umgegangen wurde. Von uns bekommen die Eltern Informationen zum Ablauf der Workshops. Es wird darüber gesprochen, was es gegebenenfalls noch brauchen könnte, um in der Gruppe gut anzukommen.

Wie läuft so ein WORKSHOP ab?

Tine Gerstenberg: Die Familien füllen den Inhalt selber mit Leben. Sie sind dabei Akteure und keine passiven Statisten. Wir starten jeden Termin mit kleinen Spielen. Dabei können sich bei Bedarf neue Teilnehmer vorstellen. Danach geben wir gewissermaßen die Überschrift des Treffens vor, indem wir einen kleinen Seminarteil machen. Beispielsweise reden wir über Gefühle in schönen und weniger schönen Situationen des Alltags oder über psychische Belastungen in einer kindgerechten Sprache. Auf der Seite KIDSTIME-Netzwerk.de gibt es auch mehrere kleine Filme zum Thema, welche wir an dieser Stelle auch nutzen.  Anschließend bilden sich zwei Gruppen. In einer sind die Erwachsenen, in der anderen Gruppe sind die Kinder.

Karolina Nowak: Der Workshop enthält sowohl gemeinsame Gruppe von Eltern und Kindern als auch separate Gruppen für beide. Es werden Elemente aus der Multifamilienarbeit und aus der Arbeit mit Gruppen verwendet. Der Fokus der Workshops liegt auf der Erklärung der elterlichen psychischen Erkrankung.

Ein typischer zeitlicher Ablauf sieht folgendermaßen aus:

Die Teammitglieder treffen zuallererst ein und bereiten die Räumlichkeiten für den Familienempfang vor. Es werden u.a. Erfrischungen und Snacks bereitgestellt, um eine nette Willkommensatmosphäre zu schaffen. Die Gruppe startet zusammen mit auflockernden Bewegungsspielen und einem kurzen, fünf- bis zehnminutigen kindgerechten Seminarteil zum Thema „psychische Erkrankung“/ „psychische Gesundheit“.

Im weiteren Verlauf teilt sich die Gruppe in zwei parallel erfolgende Gruppen der Eltern und der Kinder.

Die Eltern können sich in einer offenen Atmosphäre zu den verschiedenen Facetten der Wirkung und der Auswirkungen elterlicher psychischer Erkrankungen auf Kinder und die kindlichen Reaktionen auf die Eltern austauschen. Sie schildern Problemlagen und berichten von eigenen Lösungserfahrungen oder nehmen die Anregungen der anderen Gruppenmitglieder auf. Allein schon das Wissen, dass sie keine Einzelfälle sind, sondern dass es anderen Familien so ähnlich geht, bewirkt das Aufbrechen der Isolation. Wir, die Fachkräfte, begleiten die Familien dabei, indem wir uns an allen Aktivitäten beteiligen. Außerhalb der notwendigen Organisationsaufgaben nehmen wir jedoch keine hierarchische Position ein.

Tine Gerstenberg: Im Nebenzimmer, zu dem die Eltern jederzeit Zutritt haben, beschäftigen sich die Kinder unterdessen mit einer ausgebildeten Theaterpädagogin mit künstlerischen Ausdrucksweisen zum Thema. So stellen sie zum Beispiel spielerisch verschiedene Gefühle dar – die Traurigkeit ebenso wie die Fröhlichkeit. Zum Standard gehört dann jedes Mal auch die Fertigung eines kleinen Films, der entweder die einzelnen Aktivitäten der Kinder, ein Theaterstück oder einfach nur die Stimmung oder das Spiel der Kinder darstellt. Dieser wird dann später vor den Eltern in der Gesamtgruppe gezeigt. Die Kindergruppe ist durch Spiele und Theaterübungen/ Rollenspiele geprägt. Man könnte auch sagen, das Motto ist “alle haben eine gute Zeit”.

Karolina Nowak: Nach der Gruppenarbeit erfolgt zur Freude aller das gemeinsame Pizza-Essen. Da berichten die Kinder schon viel von ihren Erlebnissen aus der Kindergruppe. Die Zeit, in der sich die gesamte Gruppe wieder trifft, kann für ein Feedback und, bei Interesse, für einen kleinen Bericht zu den Themen aus der Elterngruppe genutzt werden. Anschließend wird ein Kinosaal aufgebaut und der erwähnte Kurzfilm gezeigt. Der Applaus ist dann immer ein zu Herzen gehendes Ereignis. Den Ausklang bildet ein Minispiel.

Gern genutzt wird auch unser Bücherkoffer. Kinder- und Jugendbücher, in denen psychische Erkrankungen thematisiert sind, können für zu Hause ausgeliehen werden.

Tine Gerstenberg:  Man könnte sagen, das Motto von KIDSTIME ist “alle haben eine gute Zeit”. Das Anliegen der Eltern ist es, dass ihre Kinder sich, trotz der eigenen psychischen Belastung, gesund entwickeln. Die Eltern übernehmen die Verantwortung, indem sie ein solches Angebot annehmen, um sich für eine gute Entwicklung ihrer Kinder einsetzen.

Zahlen und Fakten

KIDSTIME findet einmal monatlich an einem Freitagnachmittag statt. Die Teilnahme ist für die Familien kostenfrei – das Projekt wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert und evaluiert.  Auf Grund der begrenzten Räumlichkeiten können derzeit 8 bis 10 Familien mit ihren Kindern bis 18 Jahre daran teilnehmen.  Die Teilnahme ist für einen unbegrenzt langen Zeitraum möglich

Mehr Infos gibt es auf der Homepage von FamilienANlauf e.V.

Kontakt per Mail: kidstime@familienanlauf.de oder 0152-09080074 (Frau Nowak) oder 0152-09080064 (Frau Gerstenberg)

Veranstaltungen

ab November 2024

neue Fortbildung Multifamilien-Trainer*in

Hinweis: Eine unverbindliche Vorab-Anmeldung ist bereits möglich. Die Anmeldung wird erst verbindlich, wenn die die genauen Termine und Preise bekannt gegeben werden.

Multifamilientherapie/-arbeit verbindet die Vorteile der Gruppen- und Familientherapie und ermöglicht die Arbeit in und mit unterschiedlichen Kontexten.

MFT/MFA hat sich in den letzten Jahren in Schule, Jugendhilfe und in klinischen Bereichen etabliert und erfährt weiter wachsende Akzeptanz.

MFT/MFA nutzt Vielfalt, eigene Erfahrungen und fördert Selbstwirksamkeit statt Hilflosigkeit. „In einem Boot sitzen“ und kreative „in- vivo – Arbeit“ führt zu Empowerment und Resilienzstärkung.

Die Fortbildung läuft in 5 Modulen à 2,5 Tagen und einer abschließenden zwei-tägigen Supervision

Nach erfolgreicher Teilnahme kann das Zertifikat „MFT-Trainer*in nach BAG/MFT Standards erworben werden. Diese befähigt zur Durchführung von MFT – Gruppen, MFT – Familienklassen und anderen MFT – Projekten.

März 2024

Fortbildung „Lighthouse MBT“ mit Gerry Byrne  und Eia Asen

Startseite

Das Training findet an 5 Tagen statt. Die Tage 1 bis 3 konzentrieren sich auf die
Durchführung von Elterngruppen mit realen Spielen, und die Tage 4 und 5
konzentrieren sich auf Lighthouse-Multifamilienarbeit und werden von Eia Asen geleitet.
Die Techniken werden mit klinischen Videos veranschaulicht und von den Ausbildern
in Rollenspielen und bei der Durchführung der realen Spiele demonstriert.

Auszeichnungen

„Die Systemische Gesellschaft vergibt alle zwei Jahre einen Praxispreis für ein herausragendes oder innovatives aktuelles Projekt, das die praktische Umsetzung der Grundsätze systemischen Denkens und Handelns in einem spezifischen Arbeitsfeld zum Ziel hat….“

Unser Projekt NeuanFANg gewinnt den Systemischen Praxispreis der Systemischen Gesellschaft

"ein herausragendes, innovatives Projekt"

Caroline Rieck und KatrinStratmann nehmen für NeuanFANg den Preis entgegen

Interview

„Es zählen auch die kleinen Schritte“

Seit mehr als 13 Jahren arbeitet Kristina Sellmayr bei dem in Berlin-Hohenschönhausen beheimateten anerkannten Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe FamilienANlauf e.V. (FAN). Als ausgebildete Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin verfügt sie sowohl über Erfahrungen in der ambulanten Erziehungshilfe als auch in der direkten Arbeit mit geflüchteten Kindern und deren Angehörigen. 2017 erschien im Vielfalt Verlag zur letztgenannten Thematik ihr Buch „Und ich lebe doch!“. Als direkte Fortsetzung wurde „Mittendrin – Tradition, Aufbruch, ein Hauch von Freiheit“ im Jahr 2021 veröffentlicht.

Interview mit Kristina Sellmayr zu Wunschdenken und Realitäten in der Integrationspolitik

Du bist beruflich seit fast zehn Jahren ganz nah bei geflüchteten Kindern und deren Angehörigen. Wie begann alles und was stand damals im Mittelpunkt Deiner Arbeit?

Es begann alles eigentlich ganz zufällig. Die Direktorin einer Schule, mit der unser Träger kooperiert, fragte bei uns nach, ob ich im Rahmen des Bonusprogramms Brennpunktschulen mit geflüchteten Kindern und deren Familien arbeiten würde. Ich war neugierig und dachte, ein Jahr kann ich das ja mal ausprobieren. Dann habe ich Feuer gefangen und bin bis jetzt geblieben. Ziel war damals ebenso wie heute die Förderung von Spracherwerb und Sprachkompetenz, Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Sprachen sowie die Einbindung und Stärkung der Eltern.

Ein konkreter Schritt am Beginn war der Aufbau der Schulbibliothek als zentraler Ort und Anlaufstelle für alle Mädchen und Jungen. Eines Ortes also, der sich zwar in der Schule befindet, jedoch vom offiziellen Unterricht räumlich und inhaltlich etwas entfernt ist. Wenn man so will, entstand ein Setting der etwas anderen Art.

Aus sozialpädagogischer Sicht war die Arbeit in den Willkommensklassen das Zentrum. Das bedeutete die Begleitung der Lehrer im Unterricht, Einzelförderung, Elterngespräche. Aber auch – und dies war uns allen stets wichtig – dass die Kinder lernen, über Probleme und Ängste zu sprechen, ohne verurteilt zu werden und somit ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Gerade bei den Mädchen spielte dies eine große Rolle, die mitunter auch Rückschläge mit sich brachte. Besonders am Herzen lag mir die Begleitung traumatisierter Kinder.

Du beschreibst in den biographischen Episoden das gesamte Spektrum der menschlichen Gefühlswelt. Dabei werden auch Ereignisse nicht ausgespart, in denen zum Beispiel afghanische Mädchen und Frauen auch hier von archaischen Verhaltensweisen bedroht werden. Andererseits schilderst Du erstaunliche Entwicklungen von Mädchen und Jungen, die alte Fesseln abwerfen und deren Persönlichkeit sich in Freiheit teilweise atemberaubend zum Positiven verändert. Was hat Dich dabei am meisten freudig berührt und was hat Dich zornig oder traurig gemacht?

Für mich ist es erfüllend, jeden Tag zu sehen, mit welcher Hoffnung, welcher Neugier, welchem Mut und Stärke die Kinder ihren Alltag meistern, unabhängig davon, was sie erlebt haben. Da ist so viel Motivation und Sehnsucht zu erkennen. Dies natürlich persönlich bedingt in einer unterschiedlichen Intensität, aber der Wille, sich im deutschen Schulsystem zu behaupten und den eigenen Träumen von Freiheit und unbeschwerten Glück zu folgen, ist bei fast jedem Mädchen und fast jedem Jungen beinahe mit den Händen zu greifen. Sie verstehen es noch nicht so ganz, aber sie fühlen die große Chance in ihrem Leben. Und dass sie es selbst steuern können und sich nicht irgendwelchen Traditionen beugen müssen.

Ihre von Herzen kommende Dankbarkeit, wenn man ihnen dabei hilft oder einfach nur an ihrer Seite steht, ist nicht nur für mich eine berührende Angelegenheit. Viele vergessen nie die offene und ehrliche Unterstützung. So halten Kinder, die inzwischen Jugendliche sind und ihre ersten Abschlüsse erreicht haben, immer noch Kontakt zu uns. Sie sind stolz und sie möchten, dass auch wir stolz sind. Ich sage „wir“, weil ich seit Beginn der Arbeit mit der Schulmediatorin Sabina Salimovska vom Träger RAA e.V. im Team arbeite, die selbst einen Migrationshintergrund hat. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass die Integration manchmal eine Doppelschleife dreht. Das kann schief ausgehen. Es kann jedoch auch ein ungeahnter Triumph im zweiten Anlauf sein. Die Gemeinsamkeit mit ihr bringt mir auch jetzt noch nach Jahren viel an Zuversicht.

Zornig macht mich, dass die Strukturen des Schulsystems diesen Mädchen und Jungen oft nicht die Chance geben, gleichberechtigt mit den anderen Kindern Bildung zu erwerben und es immer vom Einsatz der Lehrer*innen abhängt, welcher Bildungsweg letztlich eingeschlagen wird.

Zornig macht mich ebenso, dass diesen Kindern oft zu wenig Zeit gegeben wird, um hier anzukommen, das Erlebte zu verarbeiten und dann die deutsche Sprache gut zu erlernen, um in der Regelschule eine Chance zu haben. Ist diese Zeitspanne zu kurz, droht ihnen ein diagnostisches Feststellungsverfahren, was oftmals nicht nötig gewesen wäre, weil einfach der Spracherwerb noch nicht ausreichend war. Müssen diese Kinder dann in eine Förderschule wechseln, ist der weitere Weg bereits vorgezeichnet. Das ist eine völlig überflüssig Blockade von Lebenschancen, die mich fassungslos und traurig auf die bürokratisch-schematische Handhabung von veralteten Leitlinien und das Wegsperren von Empathie blicken lässt. Jede gestohlene Chance ist eine zu viel.

Ein Beispiel: Der damals 12jährige Murat hatte noch sprachliche Defizite. Dies hatte beinahe seinen Wechsel von der Regelschule zur Förderschule mit sich gebracht. Die Entscheidung seiner Lehrer, ihm mehr Zeit zu geben, zahlte sich aus. Jetzt ist Murat in der 11. Klasse und macht sein Fachabitur am OSZ Büromanagement und Wirtschaftssprachen.

Ganz aktuell finde ich die Entwicklung schwierig, dass ukrainische Familien und Kinder anders, d.h. barriereärmer und unbürokratischer behandelt werden in Bezug auf Bildung, Wohnung, Arbeitserlaubnis, Aufenthalt. Das ist Thema bei den anderen Kindern und Familien. Solche Probleme sind hausgemacht und müssten wirklich nicht sein. Dazu gehört auch, dass es erstaunlicherweise immer noch Vorurteile von Fachkräften gegenüber bestimmten Personengruppen – wie zum Beispiel Roma – gibt. Als Pädagog*in sollte man zumindest unvoreingenommen an den Start gehen.

Im Vorjahr erschien im Vielfalt Verlag Dein Fortsetzungsbuch. Darin erfährt der Leser wie es manchen Kindern und Jugendlichen, über die im ersten Buch berichtet wurde, in der Zwischenzeit ergangen ist. Wie hast Du es geschafft, dass die Verbindungen über viele Jahre nicht abgerissen sind?

Es gibt Kinder und deren Familien, mit denen wie viele Erlebnisse teilen. Sie waren lange bei uns, es entstand dabei ein großes Gefühl von Vertrauen und Sicherheit. Das vergisst keiner. Die Mädchen und Jungen suchen den Kontakt zu uns bei auftauchenden Problemen in der neuen Schule, aber auch, um ihre Zeugnisse zu zeigen. In ihren Augen ist dann so ein Glanz der Zuversicht, dass sie die neue Etappe schaffen und wir das auch sehen. Dies sind für uns sehr besondere Momente.

Andere Kinder hingegen verschwinden längere Zeit und tauchen plötzlich wieder in der Schule auf. Sie sind wie Wanderer, die mal kurz im Basislager Station machen, um dann erneut loszuziehen. Es ist so, als wollten sie sich vergewissern, dass die „Stallwache“ noch da ist.

Leider ist immer wieder – nicht nur bei Zwischenfällen – davon zu hören und zu lesen, dass die Integrationsmaßnahmen staatlicherseits eher einer Fieberkurve gleichen. Besonders auffällig ist dies wohl auch bei der psycho-sozialen Versorgung, beruflichen Begleitung und Beratung von Frauen und Mädchen. Ausgehend von Deinen langjährigen Erfahrungen – was wünschst Du Dir von einer passgenauen Integrationspolitik?

Wichtigste Grundlage ist unbestritten eine durchdachte Bildungspolitik, ausgebildete Lehrer*innen, und faire Bildungsangebote, die auf die persönlichen Erfordernisse eingehen. Und natürlich, dass alle Angebote verlässlich vernetzt sind. Ein Schwerpunkt für mich war stets die Förderung von Mädchen und Frauen. Meine Erfahrungen besagen, dass dies jedoch nur zufriedenstellend gelingt, wenn man die Brüder und Ehemänner miteinbezieht. Wenn sie dadurch zum Beispiel verstehen, dass durch solche Entwicklungen der Stellenwert ihrer Familie in der jeweiligen Community an Gewicht und damit Respekt gewinnt.

Generell wünsche ich mir, dass die Kinder mehr Zeit und Raum zum Ankommen erhalten, ihr Erlebtes berücksichtigt wird und die Unterbringungspolitik zügiger agiert. Zu kurz kommt aus meiner Sicht auch die Kommunikation auf Augenhöhe. Wer als Helfer*in entsprechend des Grundsatzes – „ich weiß, was für dich gut ist“, die Geschicke beeinflussen will, baut sich selber hohe Hürden auf. Es ist schon eine Balance zwischen der Durchsetzung von Notwendigkeiten und der Freiheit des Einzelnen zu finden. Vertrauen ist dafür eine unerlässliche Basis. Ansonsten ist das Scheitern von wirklicher Integration schon vorprogrammiert. Problematisch sind in diesem Zusammenhang auch die exklusiven Angebote für geflüchtete Menschen aus bestimmten Ländern.

Unbedingt mehr zu tun gibt es bei der Unterstützung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete, für den Familiennachzug. Ist der realisiert, lehnt sich der Staat scheinbar oft mit gutem Gewissen zurück und gibt die Verantwortung ab. Das ist falsch und in gewisser Hinsicht auch gefährlich. Die Familien dürfen dann nicht sich selbst überlassen bleiben – man denke nur an die komplizierten behördlichen Angelegenheiten. Vielmehr müsste dann ein Netzwerk für berufliche und schulische Ausbildung, für Sprachkompetenz und Talenteförderung greifen. Leider ist dies oft ein Wunschtraum – aber es zählen auch die kleinen Schritte. Den Jahrhundertsprung in der Integration gibt es sowieso nicht.

weitere Veröffentlichungen:

Sellmayr, Kristina, Reinhardt, Sandra (2019)
Die Verbesserung von Bildungschancen geflüchteter Kinder und Jugendlicher als Beitrag für eine gelingende Integration.
In: Wartenpfuhl, Birgit (Hrsg): Soziale Arbeit und Migration. Konzepte und Lösungen im Vergleich ( S. 135-152). Münster: Springer Verlag

Sellmayr, Kristina ( 2021)
Mittendrin. Tradition, Aufbruch, ein Hauch von Freiheit.
Leipzig: Vielfalt Verlag

Krügel, Judith, Sellmayr, Kristina, Hoffmann, Steffen (2021)
Beratung von getrennt lebenden  sogenannten hochstrittigen Eltern- Bericht aus der Praxis.
In: Systhema: Heft 2. (S.124-139 ). Weinheim: Institut für Familientherapie Weinheim- Ausbildung und Entwicklung